12. Dezember 2023
Angekommen? Jawad kommt zu Wort

 

 

 

 

 

UPDATE
vom 20. März 2024:

Nun kann das Feature zur Geschichte von Jawad online angehört werden.

Hier gibt es das A5 Plakat zum Feature. Mehr Informationen und der vollständige Text kann hier eingesehen werden.

 

In der Reihe "Angekommen?" kommen Menschen nach ihrer Flucht zu Wort.

Am 11. November 2015 kamen wir nach Schweden und stellten einen Asylantrag. Nach zwei, drei Monaten sollte in Malmö eine Anhörung stattfinden, weit entfernt vom Camp, in dem wir lebten. Wir waren erst ein paar Monate da, kannten die Sprache nicht. Wir wussten auch nicht, wie man reist und welche Zugverbindungen es gibt. Ein Bekannter, erklärte mir, wie wir nach Malmö kommen. Erst mit dem Bus, dann eine Direktverbindung mit dem Zug, Endstation Malmö. Wahrscheinlich nahmen wir dann den falschen Zug. Er hielt zwar in Malmö, fuhr aber weiter. Wir warteten die ganze Zeit auf die letzte Station, aber Malmö lag längst hinter uns. Irgendwann fuhren wir weiter nach Dänemark.

Zuerst machten wir uns keine Gedanken. Wir dachten, am nächsten Bahnhof steigen wir um und fahren zurück nach Schweden. Am dem dänischen Bahnhof kamen wir jedoch in eine Polizeikontrolle. Die Polizisten wollten Ausweise oder Reisepässe sehen. Wir hatten aber nur vorläufige Ausweise von den schwedischen Behörden, aus denen unser Asylverfahren hervorging. Ich erklärte den Polizisten, dass wir um zehn Uhr einen Termin in Malmö haben, ein Interview für unser Asylverfahren. Die Polizisten sagten, ohne Personalausweis oder Reisepass kämen wir nicht zurück nach Schweden. Wir müssten zur Polizeiwache, um die Angelegenheit zu klären.

Bei den Polizisten war auch ein Security-Mann dabei, ein Iraner. Er sprach unsere Sprache und erklärte mir, dass das ein schwedisches Gesetz sei. Die Schweden wollten nicht, dass jemand ohne Personalausweis oder Reisepass ins Land kommt. Dann gingen wir zur Polizeiwache. Ein Polizist telefonierte. Mit wem, oder worum es ging, ich weiß es nicht. Meine Frau und ich wurden getrennt, Polizeiautos brachten uns in ein Gefängnis. Ich landete in einer Einzelzelle mit Überwachungskamera. Alles war hell und weiß. Zuvor wurde ich komplett durchsucht, musste mein Hemd und meine Hose ausziehen. Meine Frau kam später mit einem anderen Auto, auch sie wurde durchsucht.

Über sechs Stunden wurden wir in getrennte Zellen gesperrt. Das waren Zellen für Verbrecher, mit mehreren Schlössern an der Tür.

Dann wurde ich abgeholt. Inzwischen wussten sie alles über mich. Sie hatten mein Portemonnaie, Ausweise und andere Dokumente. „Wir haben erfahren, dass Sie einen Asylantrag in Schweden gestellt haben“, sagten die Polizisten. Auf die Frage, was wir in Dänemark machen, zeigte ich unsere Vorladung zum Asylverfahren. „Wir haben einen Termin in Malmö. Wir haben einen Fehler gemacht und sind aus Versehen hier gelandet“, sagte ich. „Sie haben kein Recht, solch einen Fehler zu machen“, sagten die Polizisten. Sie fotografierten mich und nahmen Fingerabdrücke. Danach musste ich wieder zurück in meine Zelle. Als es schon dunkel war, brachte uns die Polizei in die dänische Erstaufnahmeeinrichtung, das Sandholm-Center.

Wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Meine Frau war schwanger und hatte Hunger. Wir bekamen etwas zu Essen aus dem Kühlschrank, man brachte uns Decken und gab uns ein Zimmer zum Übernachten. Am nächsten Tag suchte ich jemanden, der für uns übersetzen kann. Ich wollte unbedingt erklären, dass wir nicht hier hergehören, sondern zurück nach Schweden müssen. Schließlich traf ich einen Afghanen, der kein Dänisch doch zumindest Englisch sprach. An der Rezeption sagte man uns zunächst, dass man uns nicht weiterhelfen könne. Später rief man mich zu einem Gespräch mit einer dänischen Frau und einem Dolmetscher. Sie sagte, wir könnten einen Asylantrag hier in Dänemark stellen. „Nein, wir wollen zurück. Wir wollen keinen Asylantrag in Dänemark stellen “, antwortete ich. Schließlich wurden es zwei Monate, die wir in Dänemark blieben. Nur, weil wir den falschen Zug genommen hatten. 

Nach zwei Monaten in Dänemark bekamen wir eine Vorladung von der Polizei. Sie sagten: „Morgen kommt ein Taxi, das Sie zum Flughafen fährt. Dort werden Sie abgeholt und nach Schweden zurückgebracht.“ Dann mussten wir Unterlagen unterschreiben, um zu garantieren, dass uns so etwas nicht noch einmal passiert. Dass wir nicht noch einmal aus Versehen nach Dänemark oder in ein anderes Land einreisen. „Ansonsten, bekommen Sie fünf Jahre Haft“, sagten sie. Am nächsten Tag brachte uns das Taxi zum Flughafen. Von dort aus fuhr uns ein anderes Auto zurück nach Schweden. In Schweden warteten bereits Leute von der Ausländerbehörde auf uns.

Während der zwei Monate in Dänemark hatten wir viele andere Flüchtlinge getroffen, denen es ähnlich ergangen war, vor allem Afrikaner. Genau wie wir, wollten sie zu der Anhörungsstelle in Schweden, hatten den falschen Zug genommen und waren in Dänemark gelandet. Das war kein Einzelfall. Den Leuten von der schwedischen Ausländerbehörde wurden Gepäck und Papiere übergeben. Dann brachte man uns in ein Lager. Fünfzehn Tage mussten wir dort bleiben. Auch eine Anhörung hatten wir in dieser Zeit, aber getrennt voneinander. Beratung oder einen Anwalt gab es nicht. Mit welcher Begründung wir das Land verlassen hätten, wollten sie wissen. Wieder wurden wir fotografiert, wurden Fingerabdrücke genommen. Wir mussten Dokumente unterschreiben und bekamen eine Bankkarte für ein Girokonto. Dann wurden wir in eine andere, uns unbekannte schwedische Stadt gebracht.

Als wir damals in der ersten Erstaufnahmeeinrichtung lebten, war meine Frau schon schwanger gewesen. Wir hatten einen Arzt, zu dem wir immer gingen. Der nächste Termin lag nach unserer Anhörung. Weil wir aus Versehen in Dänemark gelandet und dort fast zwei Monate lang eingesperrt waren, konnten wir den Arzttermin nicht wahrnehmen. In Schweden gibt es ein Gesetz, nach dem man ein Bußgeld zahlen muss, wenn man zu einem Termin nicht erscheint.

In der Zwischenzeit waren viele Mahnungen aufgelaufen, eine nach der anderen. Von den Briefen hatten wir in Dänemark natürlich nichts mitbekommen. Immer teurer war das Bußgeld geworden, hatte sich verdoppelt und verdreifacht, insgesamt 1.200 Kronen.

Bezahlen konnten wir das nicht. Zusammen bekamen wir insgesamt nur 1.000 Kronen im Monat. Als wir zum zweiten Mal nach Schweden einreisten, wurde uns gesagt: „Ihr vorheriger Aufenthalt in Schweden zählt nicht mehr. Jetzt fangen wir von Null an.“ Der Asylantrag wurde neu gestellt. „Dann muss ich auch die Rechnung nicht bezahlen“, sagte ich. „Sie müssen alles bezahlen, sonst kriegen Sie keinen Cent Sozialhilfe“, war die Antwort. Man bot uns an, in Raten zu zahlen und ich willigte schließlich ein. In der Erstaufnahmeeinrichtung wurde ich zu einem neuen Interview vorgeladen. Sogar eine Anwältin war dabei. Ich hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt einen Anwalt bekomme. Nach dem Gespräch mit der Anwältin begann die Anhörung. Alles wurde wiederholt: auf welcher Strecke wir durch welche Länder kamen, die Fluchtgründe und so weiter. Einen Monat später kam die Ablehnung. Die Anwältin sagte, dass wir dagegen klagen könnten - was wir mit ihrer Hilfe auch taten. Unsere Erstaufnahmeeinrichtung war in der Zwischenzeit geschlossen worden. Wir wurden in eine in eine neue Stadt geschickt, in eine andere Erstaufnahmeeinrichtung. Ohne Gerichtsverfahren bekamen wir acht Monate später die zweite Ablehnung.

Nachdem wir aus Dänemark zurück waren, kamen wir in die EAE Selvisboi, danach kamen wir in ein anderes Camp in Vikro. Dazwischen war meine Tochter zur Welt gekommen. Mittlerweile war sie fünf oder sechs Monate alt. Als wir 2017 den zweiten negativen Bescheid erhielten, kontaktierten wir unsere Anwältin und klagten erneut. Von einem höheren Gericht bekamen wir dann die dritte Ablehnung. Aus einer anderen Stadt kam dann eine Vorladung zu einem Termin, bei dem unsere Abschiebung vorbereitet werden sollte. Es war ganz genau aufgemalt, wo wir hingehen sollten, damit auf dem Weg nichts schiefgeht.

Wie wurde die Ablehnung begründet?

Ich fragte meine Anwältin danach, aber sie konnte mir keine richtige Antwort darauf geben.

Haben Sie die Dokumente noch?

Nein, die negativen Bescheide aus Schweden habe ich nicht.

Sind sie verloren gegangen oder hatten Sie keine erhalten?

A: Doch, wir bekamen die Dokumente, als wir in Schweden abgelehnt wurden. Die haben wir in Deutschland beim BAMF auch alle vorgezeigt. Sie sagten, wir sollten sie selbst aufbewahren. Als wir ein halbes Jahr später nach Schweden abgeschoben wurden, dann wieder zurück nach Deutschland und dann wieder nach Schweden, hatten wir sehr viele Papiere, auch viele alte Dokumente. Irgendwann war es so viel, dass wir alles wegwarfen. Irgendwo unterwegs ging auch ein Koffer verloren. Darin waren Kleidung und ein Handy, aber auch Dokumente.

Das BAMF hat aber Kopien gemacht, als Sie in Deutschland waren?

Nein, sie haben keine Kopien gemacht.

Nachdem wir die Vorladung und die Adresse mit dem eingezeichneten Weg bekommen hatten, erfuhren wir, dass das ein großer abgeschlossener Ort ist, wie ein Gefängnis. Dort kommt man bis zur Abschiebung nicht mehr raus. Wir bekamen Angst.

Wir machten uns dann auf den Weg nach Deutschland. Sind einfach los, ohne Ziel. Das war 2017. Irgendwann kamen wir mit vielen Koffern in Gera an. Auf der Straße wurden wir von der Polizei angehalten. Die Polizisten verlangten Personalausweise oder Reisepässe. Weil wir die nicht vorweisen konnten, mussten wir mit auf die Polizeiwache. Wir wurden gefragt, woher wir kommen und welche Sprache wir sprechen. Dann mussten wir uns ausziehen. Wir selbst, die Kleidung und die Koffer wurden komplett durchsucht. Wieder wurden unsere Fingerabdrücke genommen, Fotos gemacht. Ausweise und andere Dokumente aus Schweden wurden durchgesehen. Bis zum nächsten Tag wurden wir eingesperrt.

Dann kamen Polizisten und Dolmetscher und fragten uns, warum wir hier sind. „Weil wir eine Ablehnung aus Schweden haben und hier einen Asylantrag stellen wollen“, antworteten wir. Wir sollten erklären, warum wir zwei Mal in Schweden registriert waren, und was wir in Dänemark wollten. Dann schickten sie uns zur EAE nach Suhl. Die Tickets mussten wir selbst bezahlen.

In Suhl wurden wir wieder durchsucht und unsere Fingerabdrücke wurden genommen. Wir hatten wieder eine Anhörung und bekamen eine Art Ausweis. Nach eineinhalb Monaten brachte man uns mit einem Bus nach R. In der Gemeinschaftsunterkunft R. waren wir vielleicht sechs oder acht Wochen. Dann kam ein großer gelber Briefumschlag. Es war unser Dublin-Bescheid, eine Ablehnung. Unsere Fingerabdrücke seien schon in der EU registriert, wir sollten zurück nach Schweden. Ich wollte wieder Klage einreichen, fand aber keinen Dolmetscher. Auch kein Anwalt wollte uns übernehmen. Niemand wollte mit Dublin zu tun haben.

Schließlich fand ich jemanden, dem ich unsere Geschichte erzählen konnte und der alles auf Deutsch aufschrieb. Er schrieb, dass wir auf keinen Fall nach Schweden zurück wollten und ich schickte es an die Behörde. Zwei Monate später, um zwei Uhr nachts, begann die Abschiebung. Wir mussten sofort packen. Mit dem Auto brachte man uns nach Frankfurt. Am Flughafen Stockholm erwarteten uns bereits schwedische Polizisten.

Die ganze Zeit kämpfen wir ums Überleben. Als ich 7 Monate alt war, gingen wir von Afghanistan in den Iran, wo ich aufwuchs. Viele Afghanen leben im Iran. Aber auch dort werden sie abgeschoben. Dann steht man auf der Straße und wird von den Iranern angegriffen und totgeschlagen. Im Iran wurde ich von der Polizei festgenommen, weil ich keinen Ausweis hatte. „Entweder gehst du nach Syrien und kämpfst für den Iran oder du wirst sofort abgeschoben“, sagten die Polizisten. „Ich werde für den Iran kämpfen“, antwortete ich. Dann flüchteten wir nach Europa.

Ich mache mir ein paar Notizen, zu der Geschichte mit dem Iran und Syrien, das ist auch wichtig. Das war ja der Anlass, das Land zu verlassen.

Zurück nach Schweden: Die Polizei nahm uns mit zur Wache und trennte uns. „Warum sind Sie nach Deutschland eingereist?“, fragten sie. „Das dürfen Sie nicht, das ist illegal.“ Ich sagte: „Wir haben in Schweden eine Ablehnung bekommen und wollen auf keinen Fall nach Afghanistan zurück.“ Als ich meine Frau nach dem Verhör wieder traf, weinte sie. Dann mussten wir unterschreiben, so etwas nie wieder zu tun. Die Polizisten sagten, sie seien für unseren Fall nicht zuständig, wir müssten wieder nach Malmö. Mit dem Zug sollten wir dorthin fahren. Wir fuhren aber nicht nach Malmö, sondern zurück nach Deutschland.

Es war 2018, als wir zum zweiten Mal nach Deutschland kamen. Diesmal fuhren wir gezielt nach Hamburg. Ein paar Afghanen, die wir unterwegs trafen, brachten uns zu einer EAE. Dort unterschrieben wir wieder ein paar Papiere, zwei Tage später bekamen wir einen Interviewtermin. Nachdem sie unsere Namen in den Computer eingegeben hatten, sagten sie: „Ihr habt euren ersten Asylantrag in Suhl gestellt. Dorthin müsst ihr zurück.“ Sie gaben uns ein Papier, mit dem wir am Bahnhof ein Ticket nach Suhl bekamen. Nach mehreren Umstiegen, erreichten wir Suhl in den Abendstunden.

Einen Monat lang blieben wir dort. Dann wurden wir wieder nach R. geschickt. Der Leiter der GU sagte: "Sie haben einen Rekord geknackt. Dass jemand so schnell zurückkommt, haben wir hier noch nie erlebt.“ In der EAE wurde alles wiederholt, der ganze Prozess. Vier Wochen später bekamen wir wieder eine Ablehnung und sollten abgeschoben werden. Diesmal war auch ein Brief von der Polizei dabei. Wir dürften drei Monate nach der Abschiebung nicht wieder nach Deutschland einreisen. Insgesamt 400 € Strafe sollten wir zahlen, weil wir mit unserer Rückkehr nach Deutschland gegen ein Gesetz verstoßen hatten. Inzwischen hatte meine Frau ihren Ausweis verloren. Auf der Ausländerbehörde wollten wir einen neuen beantragen. Die Ausländerbehörde schickte uns weiter, wir bräuchten erst ein Schreiben von der Polizei.

Wir gingen also zur Polizei, um das Papier für die Ausländerbehörde zu holen. Die Polizei nahm meine Frau sofort fest. „Wir haben Sie abgeschoben, Sie sind hier illegal“, sagten die Polizisten. Sie wollten auch mich festnehmen, aber ich konnte abhauen. Später informierte sich die Polizei über unseren Aufenthaltsstatus. Sie stellten fest, dass wir zwar nicht mehr im Asylverfahren, aber in einer Übergangsphase waren. Schließlich wurde meine Frau freigelassen und bekam die Papiere für die Ausländerbehörde.

Danach wurden wir vorsichtiger. Im Heim hielten wir uns nicht mehr in unserem Zimmer auf. Nach dem negativen Dublin-Bescheid hatten wir Angst vor der Polizei. Meine Frau war zum zweiten Mal schwanger. Mit dem kleinen Kind übernachtete sie bei einer anderen afghanischen Frau. Ich blieb im Heim, aber in einem anderen Zimmer. Eines Abends kamen tatsächlich Polizisten. Sie gingen direkt dorthin, wo sich meine Frau versteckt hatte. Jemand musste uns verraten haben. Meine Frau wurde aufgefordert, mich anzurufen. Ich sollte sofort zu ihnen kommen, sonst würde sie mit dem Kind alleine nach Schweden geschickt. Am nächsten Tag fuhren wir nach Rostock. Als wir mit dem Schiff in Schweden ankamen, erwartete uns bereits die Polizei.

Wir fuhren direkt nach Malmö. Auf der Wache mussten wir wieder erklären, warum wir nach Deutschland eingereist waren. „Wir haben große Angst vor einer Abschiebung. Wir wollen nicht nach Afghanistan zurück“, sagte ich. Sie gaben uns die Adresse von einer Sozialstelle. Wir stellten fest, dass einer unserer Koffer fehlte und fragten, was wir tun könnten, um ihn wiederzubekommen. „Nichts. Sie müssen jetzt zur Sozialstelle“, war die Antwort.

Nach einem langen Fußweg erreichten wir schließlich die Sozialstelle. „Hier sind Sie falsch,  Sie müssen zu einer anderen Stelle“, sagten sie. Mit meiner schwangeren Frau und dem kleinen Kind liefen wir weiter zur nächsten Sozialstelle. „Wir können Ihnen nicht weiterhelfen. Sie müssen zur Asylstelle zurück“, bekamen wir dort zu hören. Auf der Asylstelle sagte man uns: „Ihre Akte ist jetzt abgeschlossen, Sie haben keine Chance. Sie müssen zurück nach Afghanistan.“ Ich sagte: „Ich möchte einen Gerichtstermin und begründen, warum wir hier sind.“ Dann haben sie uns rausgeschmissen.

Sie legten mich mit dem Bauch nach unten auf den Boden. Das Pfefferspray brannte in meinen Augen. Dann drehten sie mich um und versuchten meine Augen auszuwaschen. Durch das viele Wasser in meinem Gesicht konnte ich nicht atmen. Meine Tochter sah alles mit an. Auch, dass ich mich mit dem Messer verletzt hatte. Dann kam der Rettungswagen. Meine Ärmel wurden mit einer Schere aufgeschnitten und ich bekam etwas gespritzt. Dann wurde ich bewusstlos.

In dem Moment gab es keine Entscheidung. In dem Moment fehlte mir die Zeit zum Nachdenken. Das mit dem Pfefferspray war eine emotionale Reaktion. Als ich um fünf Uhr morgens aufwachte, waren meine Hände und Füße gefesselt. Ich bekam eine Infusion gegen die Schmerzen. Dann kam jemand zum Waschen und Zähneputzen. "Wir dürfen die Fesseln nicht öffnen", sagten sie.

Ein sehr netter Arzt wollte wissen, warum ich mich verletzt hatte. Ich konnte nicht antworten. Dann wurde ich in die Psychiatrie gebracht. Dort kamen Leute von der Ausländerbehörde vorbei. „Das war nicht gut, was Sie getan haben“, sagten sie. Sie boten uns ein Gespräch mit dem Leiter einer Flüchtlingsunterkunft und einem Dolmetscher an. Der Leiter der Flüchtlingsunterkunft wollte wissen, was geschehen war. Sie wussten, dass wir mehrere Male abgeschoben wurden, dass es uns nicht gut ging. Dann sagte er: „Hier im Heim zu bleiben, macht keinen Sinn mehr. Sie bekommen jetzt eine Wohnung. Die muss aber erst noch renoviert werden.“ Meine Frau und meine Kinder hielten es in der Wohnung nicht aus. Bis die Wohnung renoviert war, wohnten sie woanders.